Gedanken zur zeitgenössischen Druckgrafik
Veröffentlicht am 01.August 2016 in "atelier, Die Fachzeitschrift für Künstlerinnen und Künstler" Ausgabe 206 4/2016 S. 32/33

 
   L 087 © Stefan Skiba
 

 

"Es ist einfach eine Tatsache, dass Künstlerinnen und Künstler nicht nur Leinwände bepinseln und Steine behauen, Künstler sind auch Forscher. Immer wieder entdecken sie etwas Neues, mit dem sie genau das ausdrücken können, was sie unbedingt wollen. Daher stellen wir als Künstlerzeitschrift immer wieder gerne neue Erkenntnisse, die Künstlerinnen und Künstler beim experimentieren gewonnen haben, vor. Diesmal in Form von Gedanken zur Druckgrafik."

Bence Fritzsche


 

Fünf Jahre habe ich jeden Montag im Frankfurter Zoo verbracht, um Löwen, Paviane und einen Schuhschnabel zu zeichnen, der sobald er mich erblickte, mit wütend aufgerissenem Schnabel auf meinen Aquarellkasten zurannte. Bewegungsstudien. Abends folgten Akt- und Portraitzeichnen im größten Raum der Kunstschule Westend. Unter der Woche wurde umgesetzt, was man an Skizzen erfahren hatte, mit Kreide und Tusche auf Steine gezeichnet, auf Siebe belichtet oder mit scharfkantigen Messern in Platten geschnitten. Ich liebte die harzholzigen Gerüche der Werkstatt, das schwarze Bollern der Lithopresse und die schrill quietschenden Handdruckwalzen. Ich versuchte, Grenzen und Chancen aufzudecken, die Kreiden, Pinsel und Spachtel meiner Materialisierung von Kunst boten. Zwischen 1985 und 1986 kam ein Studienkollege auf mich zu: "Es gibt jetzt Computer - die können das alles viel besser." Trotzig beschloss ich, zukünftig mit den Händen weiter zu arbeiten und wählte statt der "Angewandten" die "Freie" Grafik zum Studium.
Dieser Aufsatz handelt weniger vom Ende meiner Studienzeit 1990 - mit bleischweren, gleichformatigen, vollständig gedruckten Holzschnitt- und Siebdruck-Editionen, als vielmehr davon, dass jeder Bildende Künstler aktuell im Jahr 2016 die Gelegenheit wahrnehmen kann, Grenzen und Chancen zeitgenössischer Drucktechniken zu entdecken. 
Heute repräsentiert ein großformatiger Tintenstrahldrucker die verbreitetste Möglichkeit zur Ausgabe kleiner Editionen künstlerischer Werke - ist also eine Auseinandersetzung wert. Wie er anmutet? Leicht, unbeschwert, ruckzuck. Mit ruckelnden, zuckelnden Geräuschen, mit klingenden, lichtechten Farben. Druckt auf Befehl. Auf meterbreite Kartonrollen (Rollenlänge 30 Meter, Papiergewicht 300 g/qm). Meine Druckmaschine sieht aus wie ein dunkles, geheimnisvolles Musikinstrument. Spart Zeit (Druckstock färben, Siebe belichten …), spart Platz und Lagerkosten. Dafür wirkt sie komplexer und – auf den ersten Blick – kompliziert zu bedienen. Das kostet Weiterbildung. Ich lerne gerne, bin eher neugierig als sicherheitsbedürftig - also: Her mit den fehlenden Kenntnissen. Außerdem: Gute Arbeitsbedingungen. Sitzen. Die Computermouse liegt leicht in der Hand. Auch Sammler haben Grund zur Freude. "Print on Demand", der Druck auf Nachfrage bedeutet, dass ich ausschließlich bei Nachfrage eine gestaltete Arbeit für eine definierte Wand (Ausstellung, Verkauf) herstelle. Das setzt einen disziplinierten Künstler voraus - keine Originalgrafik darf verschenkt werden. Weder Freunden zum Geburtstag oder Vereinsvorsitzenden zum Jubiläum, noch der Nichte zur Hochzeit. Auch wenn er fast nichts kostet, der eine Ausdruck mehr oder weniger. "Verschenken" ist nicht professionell – "mehr oder weniger" schon gar nicht. Beides verwässert die Nachfrage und stellt die Seriosität des Künstlers auf dem Kunstmarkt in Frage. Vor dem ersten Druck einer neu entwickelten Grafik bestimme ich immer die Auflagenhöhe der Edition. Der erste bedruckte Karton wird dann - wie alle folgenden - im Werkverzeichnis (Excel-Tabelle o.ä.) dokumentiert. Bis hier hin unterscheiden sich Tintenstrahldruck und klassische Drucktechniken nicht voneinander. Besonderheit Nummer Eins der Edition mit einem Tintenstrahldrucker ist die Möglichkeit, die definierte Auflagenhöhe nie zu erreichen. Abhängig von der Lebenszeit des Künstlers und der Nachfrage der Kunstliebhaber (no risk - no fun) werden z. B. innerhalb von siebenundsiebzig Jahren nur fünf von dreißig Blättern gedruckt und signiert. Verkauft wurde jede Originalgrafik zum Preis einer von dreißig (statt zum Preis einer Grafik von tatsächlich hergestellten fünf). Zweite Besonderheit ist - bedingt durch die Exklusivität nachfragespezifischer Formate - der große Variantenreichtum zwischen den einzelnen Blättern. Wurde Blatt drei von dreißig im Format 30 x 40 cm gedruckt, ist Blatt vier von dreißig 105 x 140 cm groß. Auch das freut einen Sammler. Sein Kunstwerk hat - über Nummerierung, Signatur und vielleicht manuell aufgetragene Firnis hinaus - an Seltenheit gewonnen, ist tatsächlich einzigartig. Er weiß, dass jede andere, unsignierte, unnummerierte Abbildung desselben Motivs eine Reproduktion ist, eine pekuniär wertlose Kopie.
1993, drei Jahre nach meiner Studienzeit, wandelte sich meine Trotzhaltung gegenüber der Gestaltung am Bildschirm und ihrer Materialisierung im Tintenstrahldruck in Neugier. Neugier darauf, Grenzen und Chancen dieser zeitgenössischen Technik zu entdecken. Damals war die Druckqualität – verglichen mit 2016 – miserabel, die Drucker unerschwinglich, die Galeristen spotteten, dass die Vernissage im Dunkeln stattfinden müsse, wegen der lichtempfindlichen Farben. Heute schenken Tintenstrahldrucker dem Künstler viel unverbrauchte Produktionszeit, das Atelier bleibt klein und komfortabel, man kann sich auf wesentliche, gestaltungstheoretische Fragestellungen konzentrieren.

Ausblick:
 

„Die großen Umwälzungen ergeben sich aus dem Eindringen von Neulingen, die einfach schon aufgrund ihrer Anzahl ... Neuerungen bei Produkten oder Produktionstechniken einführen und Neigung oder Bestreben zeigen, die Produkte eines Produktionsfeldes, das sein eigener Markt ist, einer neuen Bewertungsweise zu unterziehen.“ Pierre Bourdieu, Die Regeln der Kunst, 2001, ISBN 978-3-518-29139-9, S. 357
Wegen der o. e. Vorteile gegenüber traditionellen Drucktechniken wird der Druck von künstlerischer Originalgrafik mit lichtechten, pigmentbasierten Fototinten auf dem Kunstmarkt zunehmend sowohl Verbreitung als auch Akzeptanz erfahren. Deswegen wünsche ich allen Künstlern ohne Farbdrucker Mut, Barrieren und Vorbehalte zu überwinden und sich der digitalen Wende gegenüber zu öffnen. Und Künstlern mit Tintenstrahldrucker? Viel Spaß bei der Erforschung visueller Universen.

   


 

 

Aufsatz zum Forschungsbericht "Expressive Schwarz-Weiß-Vektorgrafik in der zeitgenössischen Kunst" / Kapitel: Der Wert (Zweck-) Freier Bildender Kunst / Absatz: III. Im Besonderen: Der materielle Wert lichtechter Vektorgrafik / Stefan Skiba, 2016, ISBN 978-3-00-052994-8, http://shop.skiba.de

 

 

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